Gabriele D'Annunzio
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D'Annunzios Höhle
zeigt fünfzehn Räume der 1921 von Gabriele d'Annunzio bezogenen und bis zu seinem Tod bewohnten Villa Cargnacco in Gardone am Gardasee. Die Villa ist Bestandteil des Vittoriale, eines musealen Themenparks zu Ehren d'Annunzios, mit dessen Gestaltung und Ausstattung d'Annunzio selbst zusammen mit seinem Leibarchitekten Giancarlo Maroni fast zwei Jahrzehnte lang befasst war. Heinz Emigholz hat 1997 begonnen, verschiedene Räume der Villa auf 35mm-Film zu dokumentieren (einige Aufnahmen davon sind jetzt in dem Film The Basis of Make-Up (III) zu sehen), dieses Unternehmen dann aber zunächst abgebrochen. 2002 wurde das Projekt im Zusammenhang mit der Produktion des Films Goff in der Wüste wieder aufgenommen.

Am 24. Juni 2002 fand in der Villa Cargnacco eine kinematographische Jam-Session statt, in der vier befreundete Kameraleute und Filmemacher (Irene von Alberti, Elfi Mikesch, Klaus Wyborny und Heinz Emigholz) in ihren jeweils sehr spezifischen Stilen die Räume der Villa und ihr Inventar zeitlich versetzt gleichzeitig dokumentierten. Der Film D'Annunzios Höhle ist aus der Fülle des so gewonnenen Materials heraus entstanden. Eine DVD-Ausgabe des Films wird neben dem fertigen Film die Aufnahmen auch nach Kamerapersonen getrennt zeigen, um ein Studium ihrer sehr unterschiedlichen Kameraarbeit zu ermöglichen. 

Heinz Emigholz sieht seine beiden Filme zu Gabriele d'Annunzio und Bruce Goff in einer enger Beziehung zueinander. Aus der Projektbeschreibung: "Anders als Goff in der Wüste bildet D’Annunzios Höhle seinen Gegenstand nicht nur ab, sondern setzt ihn in den Zusammenhang politischer Monologe über Lifestyle als geschmackspolizeiliche Anstrengung. Der Grund für die sehr unterschiedliche Form der beiden Filme liegt in der Verschiedenheit der aufzuzeigenden Phänomene.

Die Architektur Bruce Goffs ist klar auf eine erkennbare Anwendung und eine erfassbare Logik des Materials bezogen, die sich ohne Übersetzung am ausgeführten Werk ablesen lässt. Seine Gestaltung bezieht sich auf das Individuum und fördert einen freien, menschlichen Geist. Seine Bauwerke leben nicht von Repräsentation und repräsentieren gerade dadurch Freiheit. Man muss sie in ihren Kompositionen und in ihren Beziehungen zur Umgebung nur so genau wie möglich zeigen, um sie erfahrbar zu machen.

Die von Gabriele d’Annunzio errichtete Welt besteht dagegen zum grossen Teil nur aus Projektionen und Kulissen, die ohne mitgelieferte Interpretationen ihr Dasein als Gerümpel offenbaren. Er gestaltete eine Abfolge von Räumen, denen er Gefühle und Tätigkeiten per Verordnung zuwies. Durch innenarchitektonische Massnahmen wird versucht, die ideale Umgebung für einen Schriftsteller zu erschaffen. Die Konzentration des „Schreibens“ soll sich dabei in einer Sammlung von Büchern, Objekten, Kultgegenständen und Fetischen objektivieren. Wie kleine Schocks sollen diese Gegenstände den ständigen Fluss der Erinnerungen und die Aktualität von Kultur wachhalten. Sie werden zum Statthalter der Schriftstellerei. Diese Repräsentation des menschlichen Geistes ist dabei nicht als eine „private“ gedacht, sondern steht für eine politische Offensive in die Welt der zu Erleuchtenden. D’Annunzios „Privatheit“ wird zu einem politischen Raum und zum Propagandavehikel eines bestimmten Seins. Dieses Sein leitet sich von einer politischen Machtsphäre ab — einer eindeutigen Interpretation des Wirklichen, die sich der Gewalt verdankt und darin übergeht."

D’Annunzios Höhle folgt in seinem Ablauf der Abfolge der Räume in der Villa Cargnacco: Vestibül, Zimmer des Maskenverkäufers, Musikzimmer, Zimmer der Weltkugel, Zambracca, Apollinische Veranda, Zimmer der Leda, Blaues Bad, Zimmer des Aussätzigen, Reliquienzimmer, Dalmata-Oratorium, Schreibzimmer des Verstümmelten, Werkstatt, Zimmer der Cheli und Küche.

„Gardone, 24. Juni 2002. Ein Abgrund von State of the Art. Angesichts seines Spektakels begann mein Haß zu schwinden, zugedeckt von der Zufriedenheit über den Staub, der sich wie Säure über alle Dinge gelegt hatte, und dem Gerede der Führerin, die sich seines Reiches bemächtigt hatte und erstaunten Touristen Kultur vorführen mußte. Ich fühlte mich wie im Inneren einer einbalsamierten Leiche, deren Eingeweide und Gehirn beiseite geschafft worden war, weil es anfing zu stinken. Jetzt muß der Staat für diese leere Hülle sorgen, weil der Dichter über ihn mit uns kommunizieren will. Was die Sammlung herausschreit, ist die Erkenntnis, daß Museen nutzlos sind, und nur eine Methode darstellen, das Leben doppelt zu verlieren. Das Schicksal der Modernen Kunst, die um ein Mäzenatentum bettelt, ist darin eingeschrieben. Jede Art von absichtslosem Dreck wäre hübscher anzusehen als die Beutekammer dessen, der im Namen der Kunst den Menschen die Sprache raubte und als Lotion in die eigene Mumie spülte. Das tausendjährige Reich des Hausstaubs, die Hausstaubmilben und auch die in den Schuppen der Haut, übernehmen die Regie.”

„Valletta, 25. Februar 2003, ein Dienstag. Ich sitze auf den Steinfliesen meines Zimmers und schaue auf die Städte Senglea und Vittoriosa auf der gegenüberliegenden Seite des Grand Harbours. Vor elf Tagen ist in Berlin der Film „Goff in der Wüste“ uraufgeführt worden. Ein Film über amerikanische Gestaltung, an dem ich jedes Stück liebe. „D'Annunzios Höhle“ wird eine Konsequenz europäischer Gestaltung zeigen, eine Kultur, die keine ist und nur so tut, als ob sie eine sei, das Gerümpel eines Beutelagers. Der Name des Sammlers und Dekorateurs der vorgeführten Räume ist Rapagnetta, das Rübchen, auch bekannt als d'Annunzio, der Ansager: „Allein mein Name ist, vor Zeitgenossen und Nachfolgern, ein Ehrentitel. Denn mein ganzes Leben hat die Vorsehung bewiesen, die mein Taufname ankündigt. Ich kann und muß nichts wünschen. Die Regierung und die Nation haben die dringende Pflicht, mich endlich anzuerkennen, unabhängig von meinen Wünschen oder von meinem Zorn“. Das Haus wurde samt einer umfangreichen Bibliothek nach dem ersten Weltkrieg aus dem Besitz des Kunsthistorikers Heinrich Thode konfisziert und 1921 vom italienischen Staat d’Annunzio in Form einer Schenkung übertragen. D’Annunzio bezeichnete seine Tätigkeit darin als Akt der „Entgermanifizierung“. Als Staatskünstler auf der Höhe seiner Karriere angekommen unternimmt er eine andauernde gestalterische Anstrengung, um die unmittelbare Umgebung seiner Behausung zur Kultstätte umzufunktionieren. Innendekoration wird zur Seinsbehauptung. Die gestohlene und in Schichten neu arrangierte Sammlung aller möglicher Kunstobjekte wird zum ausgelagerten „Gehirn“, das seine Gedanken und Assoziationen in Form von Fetischen preisgibt. Den Dingen werden Bedeutungen wie Orden verliehen, aus Sinn wird Macht, aus Bedeutung Kitsch, aus Dialog Dekret. D'Annunzios inszeniert eine kompliziert verschachtelte Drogenhöhle, deren Verzweigungen  virtuelle Kulturleistungen postulieren. Mit seiner Ausstattungsarie und dem Beharren auf Repräsentation wird er zum Vorreiter einer „Lifestyle“-Bewegung, in der Fetische, kultureller Diebstahl und inszenatorische Raffung als Denkersatz fungieren: The Fabulous World of d'Annunzio. In jeder Generation gibt es Vertreter dieser Spezies. Gesellschaft banalisiert sich zyklisch zum Spielfeld der strategischen Ziele Einzelner. Ihr Olymp regeneriert sich durch Selbsternennungen. Man möchte gerne Lenin sein, natürlich ganz unverbindlich, aber ein bisschen Willkürherrschaft, wenigstens auf dem Spielplatz „Kunst“ und ihrer Märkte muß schon dabei sein. Das nennt sich dann „politische Kunst“ und ist doch nur die Ästhetisierung des Politischen. Auftritt diverser Kunststars als Möchtegern-Diktatoren, ein wohlfeil nachgeliefertes „Alles nicht so gemeint“ inklusive. D'Annunzio ist das Urbild dieser Spezies, und unsere Promis sollten vor Scham erröten angesichts des Niveaus, auf dem er seine Verbrechen, die auch die ihren sind, vorgezeichnet und betrieben hat.“ (Aus: Heinz Emigholz, Das weiße Schamquadrat, unveröffentlicht).